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Im Zentrum der brasilianischen Metropole São Paulo besetzen brasilianische Obdachlose, lateinamerikanische Einwanderer und afrikanische Flüchtlinge ein verlassenes Kino. Der Filmpalast war einst der vermutlich glanzvollste in ganz Brasilien, wenn nicht in ganz Lateinamerika. 1954 wurde das Haus Schauplatz des ersten internationalen Filmfestivals Brasiliens. Hier flanierten Stargäste aus aller Welt, besonders aber aus Hollywood über den roten Teppich. Doch an den Glanz jener Tage erinnert nur noch ein Filmbericht aus jener Zeit. Für die Hausbesetzer der Gegenwart ist das 12stöckige Gebäude vor allem ein Ort, an dem sie zumindest vorübergehend Schutz finden. Zuweilen wurde das mit Grafitti übersähte und renovierungsbedürftige Gemäuer von rund 2,000 Menschen aus 17 Nationen bevölkert. Über denen freilich bald das Damoklesschwert einer Zwangsräumung schwebte. Vor dem Hintergrund dieser Umstände lassen sich die Bewohner auf ein Kunstprojekt ein. Gemeinsam sichten sie Filme, die in der Glanzzeit des Kinos Zuschauer anlockten, und wählen aus ihnen Szenen aus, die sie nachspielen, und die CINEMA MOROCCO zu ihren Lebensgeschichten in Beziehung setzt: ihre Suche nach Sicherheit, aber auch um ein Leben in Würde. "Meine Mutter und mein Vater haben mich zu arbeiten gelehrt" erzählt einer der Hauptprotagonisten. "Sie sagten: Arbeit gibt einem Menschen Würde. Meine eigene Vorstellung damals wie heute ist: Wenn ich arbeiten muss, dann an etwas, das mich erfüllt." ÜBER DAS CINEMA MOROCCO Zu den Filmen, die in dem opulenten Saal des Kinos gezeigt wurden, gehörten Klassiker wie Billy Wilders' Sunset Boulevard, Julius Caesar mit Marlon Brando, Ingmar Bergmanns Sawdust and Tinsel, oder die italienische Liebes-Komödie Bread, Love and Dreams. Von den Sunset-Boulevard-Darstellern Norma Desmond und Erich von Stroheim, aber auch vom französchen Filmpionier Abel Gance und dem US-Schauspieler Robert Cummings aus Hitchcocks Dial M for Murder (Bei Anruf Mord) ist durch Archivalien belegt, dass sie das Cinema Morocco persönlich beehrten. *** Auszug aus Ingmar Bergmans Sawdust and Tinsel -- eine Szene, die die Bewohner des Cinema Morocco nachspielen: "- Why are you insulting me? Why? Because we're part of the same riff-raff / and because you allow it. You live in wagons, we in sleazy hotels. We make art, you artifice. The humblest of us / despises the best of you. Why? You risk your lives, we our vanity. Your attire is ridiculous. And the lady would look better / without her finery."